Geht es Ihnen auch so, dass Sie bei der Costa Brava nur an Party-Hochburgen wie Lloret de Mar denken, wo sich feierfreudige Urlauber die Kante geben? Schade, denn dann bringen Sie sich unter Umständen um einen der schönsten Landstriche, den Spanien zu bieten hat und der ganz unterschiedliche Facetten aufweist. Markenzeichen der wilden Küste ist die raue, zerklüftete Felslandschaft, wie es der Beiname „brava“ – zu Deutsch „wild“ vermuten lässt. Typisch sind zudem die knorrigen, würzig duftenden Pinien, die so manches Ufer säumen und die sich vor der Tramuntana, dem ebenso charakteristischen Nordwind ducken.

Genau 206 Kilometer ist die Costa Brava lang. Sie beginnt an der französischen Grenze und schlängelt sich bis nach Blanes hinunter, um dann in die Maresme-Küste überzugehen. Unterwegs zeigt sie ganz unterschiedliche Gesichter. Der Norden steht im Zeichen des Cap de Creus, jenes Kaps, an dem die Pyrenäen in einer bizarren Mondlandschaft enden. Salvador Dalí nannte es „grandioses geologisches Delirium“, und das war wie geschaffen für den surrealistischen Maler, der sich in seinem Atelier in Portlligat von ihm immer wieder inspirieren liess. Im Süden geht die Küste dagegen in seichte, weite Sandstrände über. Dazwischen liegen kleine, verschwiegene Buchten – katalanisch cales -, griffige Kiesstrände, schattige Pinienhaine, Sumpfgebiete wie die Aiguamolls im Mündungsgebiet des Muga-Flusses sowie die antiken Ausgrabungsstätten von Empúries, wo vor rund 2600 Jahren die Griechen anlandeten. Und natürlich jede Menge Ortschaften. Quirlige Hafenstädtchen wie Palamós wechseln ab mit dem malerischen Tamariu oder dem Künstlerdorf Cadaqués, das nicht nur Dalí, sondern auch Picasso und viele andere Kreative faszinierte.

Die  Kreativen kamen bereits vor hundert Jahren hierher. Ohne zu ahnen, dass sie Tourismuspioniere waren, als noch gar keiner von „Tourismus“, sondern höchstens von „Sommerfrische“ sprach, und sich wohl kaum jemand vorstellen konnte, dass die Küste jemals so viele Urlauber anziehen würde. Damals war sie ja auch gerade erst aus der Taufe gehoben worden – von dem Journalisten Ferran Agulló, der am 12. September 1908 einen Artikel mit dem Titel „Por la Costa Brava“ veröffentlichte und damit der Küste ihren Namen gegeben hatte. Heute kann sie auf eine hundertjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken. Zigmillionen von Feriengästen aus den verschiedensten Ländern erholen sich hier Jahr für Jahr. Sie sind so unterschiedlich wie ihre jeweiligen Vorlieben – und kommen dennoch alle auf ihre Kosten.

Denn das Schöne an der wilden Küste ist, dass sie sozusagen demokratisch ist: mit Urlaubsorten für jeden Geschmack und Geldbeutel. Es gibt solche für Wassersportler, solche für Camper, solche für Golfspieler – rund um die Costa Brava stehen immerhin um die 35 Plätze zum Abschlag bereit -, oder für Familien, die sich gern in der Nähe von Sandstränden, Wasserparks und anderen Attraktionen aufhalten. Wer Ruhe sucht, kann sich ganz im Norden im Umkreis von Llancà nach einer einsamen Bucht umsehen oder von Begur aus zu einem der hübschen, versteckten Plätzchen an der Steilküste zwischen Sa Tuna und Aiguablava wandern. Wer surfen will, ist in der Gegend von Sant Pere Pescador gut aufgehoben. Nachtschwärmer werden in Platja d‘Aro oder Lloret de Mar fündig, Hobbybiologen in den Botanischen Gärten Mar i Murtra bei Blanes, Cap Roig bei Calella de Palafrugell oder den Jardins de Santa Clotilde bei Lloret. Und wenn es ein bisschen mondäner sein soll, dürfte S‘Agaró das Richtige sein: In der Siedlung zwischen Sant Feliu de Guíxols und Platja d‘Aro steht unter anderem die Hotellegende Sa Gavina, in der schon Elisabeth Taylor, Orson Welles, Frank Sinatra, Sean Connery und John Wayne zu Gast waren. Noch immer ist die „Möwe“ eine der ersten Adressen in Sachen Luxus an der Costa Brava. Wobei inzwischen viele andere Nobelherbergen dazu gekommen sind – auch im Landesinneren, wo zum Beispiel im „Mas de Torrent“ modernster stilvoller Fünf-Sterne-Komfort einen Jahrhunderte alten Landsitz mit neuem Leben füllt.

Doch nicht nur die touristische Infrastruktur kann sich sehen lassen – mit hervorragenden Unterkunftsbetrieben vom Campingplatz bis zum Luxushotel – und barrierefreien Stränden, denen die blaue Fahne der Europäischen Union beste Wasserqualität bescheinigt. Was wäre das alles ohne die entsprechende Gastronomie? Geht die Liebe zur Costa Brava doch auch und vor allem durch den Magen. Dabei braucht es gar nicht unbedingt einen Ferran Adrià, der mehrmals zum weltbesten Koch gewählt wurde und das „El Bulli“ an einer entlegenen Bucht von Roses zum Pilgerort für Gourmets machte. Auch die erstklassigen Anchovis von l‘Escala, die köstlichen Paellas, das Suquet – der typische Fischeintopf der Costa Brava, den unzählige Restaurants auftischen – sowie die Weine und Caves aus dem Empordà lassen die Herzen vieler Urlauber höher schlagen. Das I-Tüpfelchen eines gelungenen Aufenthalts an der Costa Brava ist das Kulturangebot. Nicht allein romanische Klöster und Museen wie das Teatre-Museu Dalí in Figueres wollen entdeckt werden. Nein, im Sommer jagt auch ein Festival das andere. Hier das hochkarätige Festival de Música Castell de Peralada im gleichnamigen mittelalterlichen Dorf, dort das Jazzfestival von Calella de Palafrugell oder die Schubertiada, die im September die Klosterkirche von Vilabertran zum Klingen bringt. Und wo sonst kann man inmitten von antiken Ruinen Sängern wie Marina Rossell lauschen, die während des Festivals Portalblau auf dem Forum Romanum Lieder von Georges Moustaki anstimmt?