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Die Wiege Kataloniens – Kloster Santa Maria de Ripoll

Das Kloster Santa Maria de Ripoll ist ein geheimnisvoller Ort. Es scheint als habe eine unbekannte Macht das Schicksal Kataloniens genau hier Gestalt annehmen lassen: Im Grenzgebiet zwischen Frankenreich und maurischen Kalifaten, zwischen Christentum und Islam, zwischen Pyrenäen und Mittelmeer.

(Wo nicht anders angegeben, liegt das Copyright der Bilder dieses Beitrags bei Agència de Desenvolupament del Ripollès.)

Das Kloster von Ripoll gilt als die Wiege Kataloniens

Wilfried der Haarige und Santa Maria de Ripoll

Gegründet wurde Santa Maria de Ripoll im Jahr 879 von Guifré I el Pilós (Wilfried dem Haarigen). Guifré I gilt auch als der Gründer Kataloniens. Als Graf von Urgell und Cerdanya hatte er vom Frankenkönig Karl dem Kahlen im Jahr 878 drei weitere Grafschaften als Lehen erhalten: Barcelona, Girona und Osona. Er verteidigte diese Gebiete gegen die Sarazenen, die weite Teile der Iberischen Halbinsel besetzt hielten und eroberte weitere Landstriche zurück. Überdies bewirkte er aber auch die faktische Unabhängigkeit der von ihm verwalteten Grafschaften vom Frankenkönig. Als eine seiner bedeutendsten Taten gilt die Wiederbesiedlung der Ebene von Vic, die lange als Niemandsland zwischen den Kalifaten und dem Frankenreich gelegen hatte. Hier gründete er das Kloster von Ripoll, in dem er dann einige Jahre später seinen Sohn Radulf als Abt einsetzte. Bis heute hütet das Kloster das Grab des Guifré el Pilós, der 897 im Kampf gegen die Sarazenen fiel.

Santa Maria de Ripoll erweist sich rückblickend als ein Knotenpunkt für eine Vielzahl politischer und kultureller Entwicklungen von historischer Bedeutung. So ist die Klostergründung Ausdruck des festen Willens zur Wiederbesiedlung und Rechristianisierung der Ebene von Vic. Adel und Klerus, Religion und Politik sind hier auf besonders enge Weise miteinander verwoben. Das Kloster von Ripoll fungierte als Grabstätte vieler Größen des katalanischen Adels.  Andererseits hatte auch der Adel selbst leitende Positionen im Kloster inne.

Das 11. Jahrhundert und der Abt Oliba

So war der Abt Oliba, unter dessen Leitung Santa Maria de Ripoll im 11. Jahrundert zu seiner höchsten Blüte gelangte, ein Urenkel von Guifré el Pilós. Überdies war er einer der einflussreichsten Männer des katalanischen Mittelalters. Er war ein auf Ausgleich und Frieden bedachter Berater der Reichen und Mächtigen des Landes, ein Mann der Bildung und ein Mann der Tat. Er verteidigte und erweiterte Besitz und Rechte des Klosters, das bereits seit dem 10. Jahrhundert den Status der Immunität hatte sowie das Recht, seinen Abt frei zu wählen. Außerdem berief er Synoden ein und handelte Friedensverträge aus. Überdies spielte Abt Oliba eine wichtige Rolle bei der Wiederbevölkerung der Gebiete an der Grenze zu Al-Andalus.

Statue des Abtes Oliba, Foto: Jordiferrer, Lizenz CC BY-SA 3.0

Die Einführung der Romanik in Katalonien

Eine Romreise inspirierte Abt Oliba zu entscheidenden Veränderungen der Architektur der Klosterkirche. Beeindruckt vom Vorgängerbau des heutigen Petersdoms, ließ er 1032 ein Querschiff mit sieben Absiden anbauen. Der Eingang wurde mit einem Portikus versehen, dem zwei Glockentürme im lombardischen Stil zur Seite gestellt wurden. Somit ist auch die Einführung der lombardischen Romanik, die zum Identitätsmerkmal katalanischer Architektur dieses Zeitalters werden sollte, dem Einfluss des Abtes Oliba zu verdanken.

Die Bibel von Ripoll

Im Skriptorium des Klosters versammelten sich während Amtszeit des Abtes Oliba die besten Schreiber und Illustratoren der Zeit und schufen herausragend Bibeln. So entstand hier zwischen 1010 und 1025 die sogenannte Bibel von Ripoll, die sich heute im Besitz der Vatikanischen Apostolischen Bibliothek befindet. Eine weitere berühmte Bibel, die unter Mitarbeit der Mönche von Ripoll entstand, war die Bibel von Sant Pere de Rodes – heute zu finden in der Französischen Nationalbibliothek in Paris. In diesen Werken ist der Einfluss der karolingischen und der italienischen Welt offensichtlich.

Im Spannungsfeld der Kulturen

Im Spannungsfeld der europäischen Kulturen einerseits und dem Einfluss der Kalifate von Al-Andalus andererseits, entwickelte sich Santa Maria de Ripoll zu einem bedeutenden Zentrum für Religion, Kultur und Wissenschaft.  Schon früh wurde hier neben Grammatik, Rhetorik und Logik auch Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie gelehrt – zu einem Zeitpunkt als andernorts in Europa noch nicht die Bedeutung der Zahl Null erkannt worden war. Neben Übersetzungen arabischer Texte über Astronomie und Mathematik, studierte man hier auch die klassischen lateinischen Autoren und karolingische Traktate über polyphone Musik.

Das Skriptorium

Im Skriptorium, der Schreibstube des Klosters entstand eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Handschriften. Im 12. Jahrhunderte konzentrierte sich die Arbeit des Skriptoriums zum Beispiel auf juristische, historische, medizinische und literarische Texte. Da das Kloster außerdem Handschriften ankaufte und als Spenden empfing, erreichte der Fundus der Klosterbibliothek im Laufe der Jahre eine bemerkenswerte Größe.

Das Interpretationszentrum von Ripoll gibt Einblick in verschiedene Aspekte des Klosterlebens

Das 12. und 13. Jahrhundert

Im 11. Jahrhundert erlebte das Kloster nach dem Tod Olibas eine konfliktreiche Phase, in der es zwischenzeitlich seine Unabhängigkeit verlor. Im  12. Jahrhundert und 13. Jahrhundert kam es dann zu einer neuen Blütezeit. Das Kloster herrschte u.a. über Ripoll, Olot und Tossa, verfügte über weite Ländereien und hatte darüber hinaus Rechte an verschiedenen Pfarreien der Region. Weiterhin waren acht Priorate vom Kloster von Ripoll abhängig, unter ihnen das berühmte Kloster Monserrat. Santa Maria de Ripoll erlebte eine enorme wirtschaftliche Blüte.

Das Kirchenportal

In diese Zeit fällt der Bau jenes filigran gestalteten Kirchenportals, für das der Ort besonders berühmt ist. Es handelt sich um ein Sandsteinrelief mit überbordendem Reichtum an biblischen, floralen und geometrischen Motiven. In seiner Form erinnert das Portal an einen römische Triumphbogen. Die komplexe Ikonographie hat ihren Ausgangspunkt in biblischen Szenen, aber auch im Zeitgeschehen des 12. Jahrhunderts. Vermutlich wurde sie von den Mönchen von Ripoll selbst entworfen.

Portal des Klosters Ripoll © Eudald Rota

Das Portal besteht aus sieben Ebenen, sogenannten Registern. Oben, im Zentrum, ist Christus als Weltenherrscher zu sehen, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten.
Die „Lektüre“ des Portals beginnt an der Tür, die von den Statuen der Apostel Petrus und Paulus flankiert wird und verläuft dann über die zwei horizentalen Ebenen von unten nach oben.

Die Schattenseite des Wohlstands

Santa Maria de Ripoll war zu dieser Zeit immer noch das bedeutendste Kloster Kataloniens, in dem historische Berühmtheiten wie Ramon Berenguer III und Ramon Berenguer IV ihre letzte Ruhestätte hatten. Die Schattenseite der wirtschaftlichen Stärke des Klosters waren allerdings über Jahrhunderte andauernde, zum Teil gewaltsame Konflikte mit den Bürgern von Ripoll. Diese litten unter dem harten Regiment des Klosters und kämpften für eine unabhängige Stadtverwaltung. Trotz vieler Bemühungen ging dieser Wunsch jedoch erst im 18. Jahrhundert in Erfüllung.

Das Spätmittelalter

Das 14. und 15. Jahrhundert war eine Zeit schwerer Krisen: Mehrmals brach die Pest aus, es gab Hungersnöte, Wirtschaftskrisen und Kriege. Das Erdbeben von 1428 zerstörte weite Teile des Klosters. Dennoch gab es auch in dieser Zeit immer wieder Phasen, in denen der Ausbau des Kreuzgangs vorangetrieben wurde.

Der Kreuzgang des Klosters wurde zum Teil noch im romanischen Stil erbaut. Gotische Elemente herrschen jedoch vor.

Die Moderne

Im 16. Jahrhundert wurde Santa Maria de Ripoll weiterhin ausgebaut. In diese Zeit fällt zum Beispiel der Bau des Obergeschosses des Kreuzgang und der Turm des Abtspalastes. Intern kam es jedoch zu Konflikten, so dass das Amt des Abtes über längere Zeiträume unbesetzt blieb. Wirtschaftlich stand das Kloster weiterhin gut da, dennoch erlebte es auch im 17. Jahrhundert eine Vielzahl von Krisen. Einerseits spitzten sich die Konflikte mit den Einwohnern Ripolls weiter zu. Die Region war inzwischen zu einem Zentrum der katalanischen Metallindustrie geworden. Die traditionellen Rechte des Klosters konnten in dieser Zeit nur noch mit Gewalt – mit Hilfe von Banditenbanden – durchgesetzt werden. Andererseits kam es im Zuge des Schnitteraufstandes (Guerra dels Segadors) mehrfach zu französischen Besatzungen.

Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts erfuhr die Klosterkirche eine Anpassung an den Geschmack des Barockstils. Weiterhin machte die Errichtung eines Heiligenschreins Bauarbeiten an der Apsis notwendig. Überdies entstand in dieser Zeit die Kapelle der Kongregation der Unbefleckten Empfängnis. Das 18. Jahrhundert begann mit dem spanischen Erbfolgekrieg, danach erlebte das Kloster noch einmal eine relativ ruhige Periode. 1794 besetzten erneut französische Truppen das Kloster. Es kam zur Schändung des Grabes von Ramon Berenguer IV, ein Ereignis, das die Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte bereits vorwegzunehmen schien.

Das 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert

Nachdem die Klosterkirche in den 1820er-Jahren noch einmal im neoklassizistischen Stil umgebaut worden war, kam es im Zuge des ersten Karlistenkrieges zur Zerstörung der gesamten Klosteranlage. Ein Bataillon der Liberalen plünderte das Kloster, schändete die Adelsgräber und steckte die Anlage in Brand. Nachfolgend wurde die Stadt Ripoll von Karlisten besetzt und zerstört. Zwischen 1846 und 1852 wurde der Turm des Abtspalastes, eine Teil des Kreuzganges und die Kirchenschiffe abgerissen.

Zwischen 1861 und 1863 gab es erste Bemühungen zur Restauration des Klosters. 1885 erreichte Bischof Josep Morgades, dass der Staat Kirche und Kloster dem Bistum von Vic übertrug. Dadurch wurde es möglich, das alte Kloster zu restaurieren und zum Sitz der Pfarrgemeinde von Ripoll zu machen. Im Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1938 wurde das Kloster von neuem geplündert, diesmal jedoch nicht zerstört. In den nachfolgenden Jahre wurden Mobiliar und Ausstattung Schritt für Schritt wiederhergestellt oder ersetzt. Heute ist Santa Maria de Ripoll eine Pfarrei des Bistums Vic und Hüterin eines kulturellen und spirituellen Erbes von mehr als 1125 Jahren.

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