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Boí: Ein Tal voller Schätze!

Dutzende von Tälern durchziehen die katalanischen Pyrenäen zwischen dem westlichen Ende und ihrer „Mündung“ im Osten über die Halbinsel Cap de Creus hinaus im Mittelmeer. Ihr Reiz verdankt sich in erster Linie der Kombination aus atlantischem (im Westen) und mediterranem (im Osten) Klima, die eine vielfältige Pflanzen- und Tierwelt begünstigt – noch gesteigert von den Ausblicken, die sich einem vielerorts bieten. Eines dieser wunderbaren Täler heißt Boí. Und genau dahin begeben wir uns nun!

Neben seinem außergewöhnlichen Weltkulturerbe bietet das Boítal einen direkten Zugang zum Parc Nacional d’Aigüestortes i Estany de Sant Maurici

 

Das an Aragonien angrenzende Vall de Boí wird vom Nebenfluss Noguera de Tor durchquert, der im Norden am Stausee Cavallers entspringt und etwa 25 Kilometer weiter in den Hauptfluss Noguera Ribagorçana mündet. Der Noguera de Tor stellt gewissermaßen die Wirbelsäule des Tales dar, zusammen mit der Landesstraße L-500, die seinem Lauf folgt. Über die L-500 lässt sich das Tal ab El Pont de Suert unkompliziert erkunden.

Vieles, aber vor allem Architektur – und was für welche!

Bäderkultur, Wanderwege und Reitpfade, Fahrradtourismus oder Bergsteigen: All das und noch mehr bietet ein Aufenthalt im Vall de Boí, wie auf der Webseite von Vall de Boí Tourismus zu sehen ist. Gleichwohl sind Architektur und Geschichte zwei Begriffe, die das Boítal vortrefflich beschreiben. Denn nicht weniger als acht Kirchen und eine Wallfahrtskapelle prägen seit dem Frühmittelalter Land und Leute. Tatsächlich beherbergt das Tal die größte Dichte an romanischer Kunst in ganz Europa – ein beeindruckendes Freilichtmuseum!

Im Dorf Barruera (ca. 200 Bewohner) befindet sich das Tourismusbüro. Es ist ratsam, die Route hier zu beginnen, wo man sich ausführlich informieren kann über das allgemeine Angebot im Tal, so etwa über den Nationalpark Aigüestortes, dem einzigen seiner Art in Katalonien und weiteres Prunkstück der Region.

In Barruera selbst steht eines der besagten neun Gotteshäuser, welche die UNESCO im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe erkor. Die Ursprünge der Kirche Sant Feliu reichen bis im 11. Jahrhundert zurück; und kaum eine andere Kirche hat im Laufe ihrer Geschichte mehr Transformationen erlebt. So werden Kunstkenner schnell die verschiedene Baustile feststellen, die Sant Feliu ausmachen – wie etwa an den beiden Apsiden: Die zentrale Altarnische aus dem 11. Jahrhundert erscheint irregulärer und gröber als die ein wenig kleinere, südlich davon platzierte, die gut ein Jahrhundert später angefügt wurde.

Die Landstraße L-500 durchzieht das Vall de Boí.

Das Romanik-Zentrum, das die Vergangenheit erklärt

In Richtung Norden erwarten die Besucher des Boí-Tales noch vier weitere Kirchen, eine faszinierender als die andere. Der quadratische, zierliche Glockenturm von Santa Eulàlia d’Erill la Vall, eine der spektakulärsten im ganzen Tal, ist ein hervorragendes Beispiel für den sogenannten „lombardischen Baustil“, der aus Italien in andere europäische Regionen übersprang. Beachtliche sechs Stockwerke hoch ist der Turm, der damals so die Kommunikation zu den beiden Kirchen ermöglichte, die interessanterweise mit Santa Eulàlia eine Linie bilden: Sant Joan de Boí und Sant Climent de Taüll.

In Erill la Vall befindet sich zudem das sogenannte Centre del Romànic. Dort erhält der Besucher Hinweise zum architektonischen Erbe des Tales, u.a. zur Romanik in der Region, zur mittelalterlichen Gesellschaft oder zu den Bautechniken, die bei der Errichtung und Innenausstattung der Kirchen zum Einsatz kamen.

Eine umfangreiche Restaurierung in den 1970er Jahren gab Sant Joan de Boí ihre alte Pracht zurück, wie auf dem unteren Bild zu sehen ist.

 

Kaum fünf Minuten mit dem Auto entfernt, stolpert man quasi über Sant Joan de Boí. Ihren (einer Basilika ähnlichen) dreischiffigen Grundriss hat die Kirche mit Sant Climent und Santa Maria im benachbarten Taüll gemein. Besonders sehenswert sind die vor einigen Jahrzehnten restaurierten Wandmalereien, die nun Sant Joan wie ursprünglich aussehen lassen.

Die fast gerade Linie von Santa Eulàlia im Westen über Sant Joan, Santa Maria und Sant Climent findet ihr östliches Ende in Taüll. Das Dorf wies in der Vergangenheit drei Kirchen und eine Wallfahrtskapelle auf. Allerdings hat eines dieser vier Bauwerke dem „Zahn der Zeit“ nachgegeben, und so sind von Sant Martí nur ein paar Steine erhalten. Von den drei noch existierenden Gotteshäusern stellt die Kirche Sant Climent de Taüll das unbestrittene Kleinod des gesamten Tales dar. Viele Katalanen steuern vor allem wegen Sant Climent das Boí-Tal an!

Der auferstandene Christus von Taüll

Besonders die sogenannte Majestas Domini (‚Herrlichkeit des Herrn‘) oder auch Pantrokrator (‚Weltenherrscher‘) in der Apsiskalotte, der halbkuppelförmigen Apsiswölbung, prägte jahrhundertelang das Innere der Kirche. Die originale Wandbemalung dieses wunderbaren Pantokrator wurde wie so manche Kunstschätze aus dem Tal zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorsichtig entfernt und ins Museu Nacional d’Art de Catalunya versetzt, um sie der Nachwelt zu erhalten.

An ihrer Stelle wird seit neustem ein eindrucksvolles sogenanntes „Video-Mapping“ projiziert, das den Herstellungsprozess des Kunstwerkes von den ersten Strichen bis zur Vollendung nachzeichnet. Diese 10-minütige audiovisuelle Rekonstruktion hat noch keinen Zuschauer unbeeindruckt gelassen!

Ein absolutes Muss bei jedem Ausflug ins Boí-Tal ist das „Video-Mapping“ in Sant Climent.

 

In der Kirche sind weitere biblische Szenen oder Figuren zu sehen, wie etwa Kain und Abel oder auch Lazarus; und natürlich darf auch ihr Namensgeber, der Heilige Clemens, nicht fehlen.

Fünf Minuten entfernt liegt die zweite Kirche im Dorf, die ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört: Santa Maria de Taüll. In gewisser Weise ist sie die „kleine Schwester“ der am 10. Dezember 1123 geweihten Sant Climent, denn Santa Maria folgte nur einen Tag später.

Im Innenraum fällt eine Nachbildung der Zentralapsis ins Auge, die eine Szene des Dreikönigsfestes zeigt. Auch an der Südwand sind die Heiligen Drei Könige, welche das Jesus-Kind verehren, die Protagonisten. Im 18. Jahrhundert wurde die Kirche in erheblichem Maße im Barockstil umgebaut, zu einem späteren Zeitpunkt jedoch in ihren romanischen Urzustand zurückgeführt. Ihr leicht schräger Turm umfasst fünf identisch dekorierte Etagen.

Von Taüll aus gelangt man in einer knappen Viertelstunde über die L-500 nach Durro. Die ruhige, geschlängelte Landstraße „carretera de Durro“ gibt einen Vorgeschmack darauf, welch großartige Landschaft sich unter diesem Dorf auftut. Am Ziel auf 1.400 Meter Höhe überragt der Turm der dominanten Nativitat de Durro die Hausdächer des Ortes, gebaut vermutlich in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts – also später als die übrigen Gotteshäuser unten im Tal.

Von der Wallfahrtskapelle Sant Quirc aus bieten sich weite Ausblicke auf die Berge und das Dorf Durro, zu dem sie gehört

 

Eine halbe Stunde zu Fuß oder fünf Minuten per Auto reichen, um zur Wallfahrtskapelle Sant Quirc de Durro zu gelangen. Diese Einsiedelei, ebenfalls von der UNESCO in die Liste aufgenommen, zeichnet sich durch eine anmutige Schlichtheit als auch durch ihre privilegierte Lage aus – ihr Besuch lohnt sich nicht minder als bei den anderen acht (klassischen) Gotteshäusern.

Die beiden südlichsten Kirchen

Zurück in Richtung El Pont de Suert liegen noch zwei weitere Kirchen an der Strecke: Santa Maria de Cardet weist eine der spektakulärsten Apsiden des gesamten Vall de Boí auf, und darüber hinaus besitzt sie als einzige der neun erstaunlichen Kirchen einen für das Tal eher ungewöhnlichen Glockengiebel.

Vervollständigt wird die Weltkulturerbeliste durch die Kirche Assumpció del Cóll mit ihrem kleinen, robusten Turm und gleich drei romanischen Becken im Innenraum: Tauf-, Öl- und Weihwasserbecken.

Die „Església de la Nativitat“ („Geburtskirche“) steht mitten im pittoresken und denkmalgeschützten Durro

 

Das Vall de Boí geht in Barcelona weiter

Mit dem Ziel, einen Ausverkauf der vielen ungeschützten Schätze genannter Kirchen an reiche Sammler zu verhindern sowie sie vor schädlichen Einflüssen des rauen Regionalklimas zu schützen, wurden die meisten Originalkunstwerke auf behutsame Weise abgetragen und vornehmlich ins Museu Nacional d’Art de Catalunya (MNAC) auf dem Montjuïc in Barcelona verbracht.

So kann im Centre del Romànic in Erill la Vall ein Ticket erstanden werden, das die Besichtigung aller geöffneten Kirchen im Tal sowie des MNAC in Barcelona beinhaltet. Gültigkeitsdauer: ein Jahr! Für Informationen dazu hier klicken.

Weitere Details zum Boí-Tal finden Sie durch diesen Link: www.vallboi.cat/en.

📸 Alle Bilder © Katalonien Tourismus/Ferran Porta (außer Karte vom Boítal © Turisme Vall de Boí)

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