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Kunst zwischen Erde und Sternen – Joan Miró in Katalonien

Die magischen Symbole für Mond, Stern, Vogel, Auge und Frau sind immer wiederkehrende Elemente in der Kunst des Joan Miró. Sein Stil ist unverwechselbar. Viele seiner Werke sind bezaubernd dekorativ. Andere, zum Beispiel die toiles brulées sind verstörend. Ihr Ziel ist kein anderes, als die Ermordung der Malerei.

Miró ließ sich in keine Schublade stecken. Mit den Füßen fest auf der Erde und dem Blick auf die Sterne gerichtet, arbeitete er im Spannungsfeld zwischen Landleben und Metropole, Tag und Nacht, Gewalt und Flucht, Gemälde und Antigemälde. So entstand eine der außergewöhnlichsten Bildsprachen des 20. Jahrhunderts.

Mirós Pla de l’ós auf der Rambla in Barcelona © Lluís Carro

Jenseits der Dogmen

Im Laufe seines neunzig Jahre währenden Lebens erkundete Miró zunächst die Ausdrucksformen des Fauvismus und Kubismus. Bald ließ er jedoch die Gegenständlichkeit hinter sich und wandte sich dem Surrealismus zu. Allerdings hielt er auch zu dieser Strömung stets eine gewisse Distanz. Zu keiner Zeit ließ sich Joan Miró von künstlerischen Dogmen einengen. Gegen bürgerliche Vorstellungen von Kunst und Malerei rebellierte er Zeit seines Lebens.

Fundació Miro © Pere Pratdesaba

Montmartre und Mont-roig

Während seiner regelmäßigen Aufenthalte in Paris, genoss er den Kontakt und die Auseinandersetzung mit den Größen der Avantgarde-Kunst seiner Zeit. So waren seine Nachbarn auf dem Montmartre beispielsweise Hans Arp, Paul Élouard, Max Ernst und René Magritte. Doch nach einigen Monaten zog es ihn regelmäßig zurück in die Heimat. In Mas Miró, dem Landhaus seiner Eltern in Mont-roig del Camp in der Provinz Tarragona, fand er nicht nur Ruhe. Mont-roig war auch die Quelle jener erdverbundenen Art von Inspiration, die aus Gemälden wie „La Masía“ spricht.

© Archivo Fundación Mas Miró

Mas Miró und La Masía

La Masía ist ein Schlüsselwerk Mirós, dessen Thema das Landhaus seiner Eltern ist. Miró malte an diesem großformatigen Gemälde  in den Jahren 1921/22 über einen Zeitraum von neun Monaten. Es stammt somit aus der Zeit vor seiner surrealistischen Periode. Gekennzeichnet ist es durch realistische und primitive Merkmale und Elemente der katalanischen Volkskunst. Miró erläuterte die Entstehungsgeschichte von La Masía so:

„Während der neun Monate, die ich an La Masía arbeitete, malte ich etwa sieben bis acht Stunden am Tag. Ich litt entsetzlich, fürchterlich, wie ein Verdammter. Ich wischte sehr viel weg und fing an, die ganzen fremden Einflüsse zu entfernen und mit Katalonien Verbindung aufzunehmen.“

Die Mühe war nicht vergebens. Im Jahr 1925 lieh sich Ernest Hemingway 5000 Franc von John Dos Passos, um La Masía zu kaufen. Heute kann man dieses Gemälde Mirós in der National Gallery of Art in Washington D.C. bewundern.

 

Die Landschaft der Genies

Mas Miró hingegen, ist ein zentraler Anlaufpunkt für alle, die Mirós Verwurzelung in der Landschaft von Mont-roig als Quelle und Motor der Entwicklung seines künstlerischen Schaffens verstehen wollen.  Überdies ist Mas Miró Teil der Route der Genies. Wer ihr folgt, begreift die Landschaften Tarragonas als Konstante im Werk von vier großen Künstler des 20. Jahrhunderts. Neben Miró waren die Landschaften Tarragonas nämlich auch Antoni Gaudí, Pau Casals und Pablo Picasso eine beständige Quelle der Inspiration. Wer mehr über die Route der Genies wissen möchte, liest hier weiter.

Die Universalität der Erfahrung

Zwar bildeten Mas Miró und die Verwurzelung in der Erde seiner Heimat eine Konstante im Leben und in der Arbeit Joan Mirós. Dennoch zielte sein Schaffen immer auf eine Universalität der Erfahrung ab. Einerseits nährte sich seine Kunst in surrealistischer Manier aus den Quellen des Unbewussten. Andererseits sprach er oft über Dinge, die er tat, um einen Zustand erhöhter Bewusstheit zu erreichen. Der Enkel des Künstlers, Joan Punyet Miró erklärt den Arbeitsprozess seines Großvaters so: „Er war in der Lage in die unheimlichsten, dunkelsten und verborgensten Winkel seines Unbewussten vorzudringen und all die Bilder, die er dort fand, ins Bewusstsein und auf die Leinwand zu bringen.“

Fundació Joan Miró. © Pere Pratesaba

Bürgerkrieg

Als 1936 der spanische Bürgerkrieg ausbrach, verlies Miró Mont-roig und lebte bis zum Jahr 1940 ausschließlich in Paris. Für den spanischen Pavillon der Weltausstellung 1937 in Paris stellte Miró neben Picassos Guernica sein heute als verloren geltendes Monumentalgemälde Le faucheur („Der Schnitter“, oder „Katalanischer Bauer“) aus. Überdies entwarf er für die Ausstellung ein Plakat mit dem Titel Aidez l’Espagne!, „Helft Spanien!“. Beide Werke enthalten revolutionäre Motive gegen die faschistischen Putschisten Francisco Francos.

Fundació Miró. © Pere Pratdesaba

Eine Vision der Hoffnung

Die ethische Dimension von Joan Mirós Werk übersteigt jedoch den Kampf für bzw. gegen gesellschaftliche und politische Bewegungen seiner Gegenwart. Es war ihm ein zentrales Anliegen in der Kunst Räume zu schaffen, in denen eine Vision der Hoffnung möglich bleibt.

Dabei beschränkte er seine Arbeit nicht auf Malerei und Grafik. Er war auch Bildhauer und Keramiker. Überdies illustrierte er Bücher und entwarf Bühnenbilder und Kostüme. Außerdem schuf er Wandteppiche, unter anderem 1974 für das World Trade Center in New York und 1975 zur Eröffnung der Fundació Miró in Barcelona.

Fundació Miró © Miguel Raurich

„Alle ist miteinander verkettet“

Für Miró geht es um den Ausdruck. Sich aller ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu bedienen, ist für ihn völlig natürlich. „Ein Gemälde muss fruchtbar sein. Es muss eine Welt hervorbringen.“, hat er einmal gesagt. Und so erfährt seine Kunst eine Evolution, die der natürlichen Evolution aller Dinge gleicht. „Eines geht ins andere über. Alles bildet eine Einheit. Es gibt keine Domäne, die verschieden ist von anderen. Alles ist miteinander verkettet.“

Fundació Joan Miró.© Pere Pratdesaba

Fundació Miró

Wer sich einen Eindruck von der Fülle und Vielgestaltigkeit des Miróschen Werkes machen möchte, ist in der Fundació Miró in Barcelona genau an der richtigen Adresse. Die Fundació wurde von Miró selbst gegründet. Das Gebäude entwarf der Architekt Josep Lluís Sert. Sert war ein langjähriger Freund Mirós. Er  hatte bereits dessen Atelier in Cala Major in Mallorca entworfen, das ab 1956 den geographischen Lebensmittelpunkt des Künstlers bildete. So ist die Fundació Miró eines der wenigen Museen der Welt, an dem Architekt und Künstler mit Wertschätzung und viel Verständnis für die Arbeit des jeweils anderen zusammengearbeitet haben. In der Folge treten hier Werk und Räumlichkeiten in einen besonderen Dialog.

Fundació Miró

Rundgang durch Leben und Werk Mirós

Wer die Fundació Miró besucht, erlebt einen Rundgang durch die künstlerischen und persönlichen Stationen des Lebens von Joan Miró. Die Fundació beherbergt die weltweit größte Sammlung von Werken des Künstlers. Sie umfasst Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Keramiken und Textilien. Außerdem sind hier Skizzen und Schriftstücke zu sehen, die Rückschlüsse auf die Entstehung und den kreativen Entstehungsprozess der Miróschen Werke erlauben.  In der aktuellen Sammlung werden verschiedene Aspekte besonders hervorgehoben: Mirós Bezug zur Erde, sein Wille zur Überwindung der konventionellen Malerei, das Bedürfnis nach Anonymität, die Gewalt des Krieges und der Wunsch nach Flucht. Außerdem Poesie, Stille und Antigemälde.

Fundació Joan Miró. © Pere Pratdesaba

Die Fundació Miró war von Beginn an konzipiert als Referenzpunkt für das Werk Mirós einerseits und die gesamte Bandbreite zeitgenössischer Kunst andererseits. Deshalb finden hier regelmäßig wechselnde Ausstellungen zu Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts statt. Überdies fördert die Fundació Projekte zur Erforschung verschiedener Facetten zeitgenössischer Kunst. Wer mehr über die Fundació Miró wissen möchte, findet hier weitere Infos.

Temporäre Ausstellung:Thao Nguyen Phan. Becoming Alluvium. © Roberto Ruiz

 

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