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Interview mit Joan Morales: Winter in Katalonien

Die Gebirge Kataloniens bieten spannende Möglichkeiten für Wintersportler, aber die Region bietet ihren Gästen mehr als Schnee. Welche winterlichen Aktivitäten kannst du uns besonders empfehlen?

In Katalonien spielt der Faktor Gastronomie bei fast allen gut organisierten Angeboten eine Rolle. Das gilt insbesondere für 2016, denn schließlich ist Katalonien in diesem Jahr Europäische Region der Gastronomie. Entsprechend spannend sind die Angebote, die Wintertourismus und Gastronomie miteinander verbinden. An der Skistation La Molina bietet zum Beispiel das Restaurant Costa Rasa, das auf 1.700 Meter Höhe liegt, exklusive abendliche Menüs an. Der Kick: Zum Abschluss des Abends fährt man entweder im Schneemobil oder auf Skiern bei Mondschein zurück zur Unterkunft.

Ein weiterer Wintertrend, der für jedes Publikum spannend ist und keinerlei technische Voraussetzungen erfordert, sind die Schneeschuh-Wanderungen, die in Katalonien gerne mit ökotouristischen oder kulturellen Aktivitäten kombiniert werden. Alle Naturparks der katalanischen Pyrenäen organisieren Schneeschuhwanderungen, bei denen man die winterliche Tier- und Pflanzenwelt näher kennenlernen kann. Es gibt aber auch Angebote, die es ermöglichen, historische Monumente oder sogar archäologische Ausgrabungsstätten wie zum Beispiel das mittelalterliche Santa Creu im Pallars Sobirà auf einer Schneeschuhwanderung zu besuchen.

La Molina © Nano Cañas

Welche Ziele in Katalonien kannst du für einen Winter-Trip empfehlen?

Für diejenigen, die nach Katalonien kommen, um dem Winter zu entfliehen, ist das Klima der katalanischen Küsten, insbesondere im Süden, besonders reizvoll. Der Fernwanderweg GR 92 verläuft entlang der gesamten katalanischen Küste von Portbou bis Alcanar. In Teilen bietet dieser Weg wunderbare Aussichten auf unberührte Naturlandschaften, zum Beispiel auf dem Abschnitt zwischen l’Ametlla de Mar und l’Ampolla. Hinter l’Hospitalet de l’Infant finden wir mit den muntanyes de Vandellòs ein Gebirge von erstaunlicher Ursprünglichkeit, durch das sich viele Wanderpfade und Routen ziehen. Weiter nördlich gibt es ebenfalls ideale Wanderregionen, beispielsweise das Garraf Massiv, les Gavarres oder das Cap de Creus, die man zu jeder Jahreszeit erkunden und dabei wunderbare Ausblicke auf die Küste genießen kann.

Aber es gibt natürlich noch viele weitere spannende Aktivitäten, um abseits des Schneetourismus das winterliche Katalonien kennenzulernen. Die unter Naturschutz stehenden Feuchtgebiete Kataloniens wie zum Beispiel das Ebrodelta, Aiguamolls de l’Empordà, l’Estany d’Ivars i Vila-sana und der See von Banyoles sind vielleicht zu anderen Jahreszeiten noch prachtvoller anzuschauen – im Winter jedoch sind sie Oasen der Stille und wunderbare Rückzugsorte, an denen man Natur wirklich erleben kann. Aber natürlich ist der Naturtourismus im Winter insbesondere auch dort interessant, wo Schnee liegt: In den Pyrenäen oder im viel unbekannteren, weiter südlich gelegenen Gebirgsmassiv von Els Ports mit dem südlichsten Buchenwald Europas, dem fageda del Retaule.

Und dann sind da natürlich noch die Citytrips, die aufgrund unseres sanften Klimas für Besucher aus nördlicher gelegenen Ländern im Winter besonders interessant sind. Hinzu kommt, dass Katalonien auf engem Raum eine große Vielfalt von Städten, Küsten- und Gebirgslandschaften vereinigt, so dass es ein leichtes ist, den Citytrip nach Barcelona wahlweise mit einem Skiausflug oder einer Küstenwanderung zu kombinieren.

Roses © Oriol Clavera

 

Welche interessanten Feste und Events bietet Katalonien im Winter? Hast du eine besondere Empfehlung?

Zunächst sind da natürlich die weihnachtlichen Märkte und Events, wie zum Beispiel der Santa Llúcia Markt in Barcelona oder der Weihnachtsbaum-Markt im 200-Seelen-Dorf Espinelves, das in der Vorweihnachtszeit Tausende von Besuchern anzieht. Und dann sind da natürlich noch die Krippenspiele pessebres vivents, die sehr aufwändig und mit Liebe zum Detail die Geburt Jesu nachstellen. So gibt es verlassene Dörfer, die in der Weihnachtszeit als Spielort der pessebres zu neuem Leben erwachen, wie zum Beispiel Masia de Castelló, obwohl es natürlich viele weitere Orte gibt, die diese Tradition pflegen: zum Beispiel Corbera de Llobregat, Sant Guim de la Plana, Castell d’Aro usw.

Das neue Jahr beginnt mit den Festes de Sant Antoni (els Tres Tombs) mit Konzerten, Umzügen und natürlich einer großen Menge gastronomischer Genüsse. Danach kommt der Karneval und schließlich zum Abschluss des Winters die Semana Santa in der Woche vor Ostern. Jedes dieser Feste wird in verschiedenen Orten besonders bunt und intensiv gefeiert. Für das Sant Antoni Fest empfiehlt sich ein Besuch in Falset (l’Encamisada), Taradell, Balsareny oder Valls. Wer einzigartigen Karneval erleben möchte, fährt nach Torà, Solsona, Vilanova i la Geltrú, Sitges, Torelló oder Roses. Die Semana Santa wiederum ist besonders beeindruckend in Tarragona, Verges und Badalona. Wer sich für Passionsspiele interessiert, findet in d’Esparreguera Olesa de Montserrat und Ververa besonders beeindruckende Darstellungen des Martyriums Jesu Christi.

Vilanova i la Geltrú © Servicios Editoriales Georama

Kommen wir noch einmal auf die Gastronomie zurück: Welche gastronomischen Spezialitäten bietet das winterliche Katalonien?

Das gastronomische Panorama des katalanischen Winters ist bestimmt von den calçots, das sind gegrillte Zwiebeln, die der Frühlingszwiebel ähneln. Ursprünglich waren die calçotades, bei denen die Zwiebeln im Freien am offenen Feuer gegrillt werden, eine Spezialität der Region Camp de Tarragona. Inzwischen hat sich diese Tradition jedoch in ganz Katalonien verbreitet. Weitere gastronomische Höhepunkte des Winters sind die Seeigel, die vor allem in der Region Empordà hochgeschätzt werden und der Bacalao. Der Bacalao ist ein Fisch, der in unseren Gewässern nicht vorkommt, aber Katalonien hat innerhalb Europas den höchsten Verbrauch an Bacalao. Hinzu kommen die Wintergemüse, die zu Gerichten wie trinxat verarbeitet werden, für welche die Region Cerdanya berühmt ist. Weitere Spezialitäten des Winters sind die Artischocken, die Zitrusfrüchte, insbesondere in den Terres de l’Ebre, der variantenreiche Salat xató, der eine Spezialität des Penedès ist und Fleischgerichte rund ums Schwein. Zu jeder dieser gastronomischen Traditionen gibt es Events, die große Mengen an Besuchern anziehen.

Calçots © Lluís Carro

Was sind die Wintertrends für Reisen ins Landesinnere? Was habt ihr den Lesern der Winterausgabe von Descobrir empfohlen?

In der letzten Ausgabe war unser Titelthema die Serra de Cardó, ein Gebirgsmassiv im südlichen Katalonien bei Tortosa, das nur dünn bevölkert und trotz seiner fantastischen Naturlandschaften, die ideale Wandermöglichkeiten bieten, fast völlig unbekannt ist. Ganz allgemein kann man sagen, dass der Tourismus im Landesinneren im Prinzip gleichzusetzen ist mit Gebirgstourismus und vor allem ländlichem Tourismus. In dieser Hinsicht besonders interessant sind zum Beispiel die Regionen Pallars, la Segarra, el Priorat, la Terra Alta, la Garrotxa, Osona und el Moianès.

Welche Ausflüge und Kurztrips machen denn die Katalanen um diese Jahreszeit?

Wenn wir um diese Jahreszeit draußen unterwegs sind, dann vorwiegend, um Wintersport zu treiben. Davon abgesehen ist dies die Jahreszeit für einen eher vom Stadtleben geprägten Tourismus. Wenn es uns doch aufs Land zieht, dann fahren wir in der Regel mit Familien und Freunden in eine schöne ländliche Unterkunft (Casa Rural) und genießen dort an einem knisternden Kamin gutes Essen und angenehme Gesellschaft.

Landhaus © Tina Bagué

Welches sind deine Lieblingsaktivitäten um diese Jahreszeit?

Ich lebe in einer Großstadt direkt am Meer – deshalb genieße ich an Wochenenden, an denen ich keine besonderen Verpflichtungen habe, am liebsten die Abwechslung: ein Ausflug aufs Land, hervorragendes Essen oder eine Tour mit der Familie in die verschneiten Regionen Kataloniens.

Gibt es einen Grund, weshalb sich eine Reise nach Katalonien in den Wintermonaten besonders lohnt?

Ich würde sagen, im Winter gibt es einerseits die gleichen guten Gründe, Katalonien zu besuchen wie zu jeder anderen Jahreszeit: Die Vielfalt der Landschaft, die riesige Menge kultureller Angebote, die ausgezeichnete Gastronomie, der Reiz Barcelonas und der anderen katalanischen Großstädte… Katalonien bietet auch im Winter eine fast unendliche Vielzahl an Möglichkeiten für jeden Geschmack. Was den Winter für eine Reise besonders attraktiv macht, ist die Ruhe dieser Jahreszeit, die es ermöglicht, den Katalanen und ihren Traditionen näher zu kommen. Der Winter hat den Reiz, dass die Betriebsamkeit der touristisch intensiveren Monate wegfällt. Wer Land und Leute wirklich kennenlernen möchte, der hat dazu im Winter die beste Möglichkeit. Die ruhigen Wintermonate sind die beste Jahreszeit, um zu verstehen, wie wir sind und was uns gefällt. Und wir hoffen natürlich, dass euch gefällt, was ihr hier seht!

 

 

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