Barcelonas Stein gewordene Fantasien und der Modernismus

Vor vielen, vielen Jahren war der monumentale Passeig der Gràcia nichts weiter als ein ungepflasterter Pfad, der die Mauern Barcelonas mit dem Vorort  Gràcia verband. Irgendwann legte man um diesen Pfad herum einen gepflegten Park an, der ab dem Ende des 19. Jahrhunderts den wohlhabenden Barcelonesern als hipste Wohngegend überhaupt galt. Wer etwas auf sich hielt, ließ ein Haus im Gràcia-Viertel bauen. Natürlich nicht irgendein Haus, sondern ein modernes, experimentelles und nach Möglichkeit bewohnbares Kunstwerk im modernistischen Stil. Andernorts bereits als Art Nouveau oder Jugendstil bekannt geworden, fand der Modernismus im Barcelona des Fin de siècle zu einem Gipfelpunkt der Lust am architektonischen Spiel mit neuen Materialien, Farben und Formen. Unser Spaziergang führt durch Barcelonas wohl berühmtestes Viertel, das Barri Eixample und erlaubt einen Blick hinter die Fassaden der gewagtesten Werke des katalanischen Modernismus.

Escala modernista © Toni Vidal

Gaudí, Domènech i Montaner und Puig i Cadafalch lauten die Namen der Architekten, die den katalanischen Modernismus berühmt gemacht haben. Bevor es dazu kam,  musste der gewöhnungsbedürftige Baustil jedoch erst einmal die Skeptiker überzeugen – und von denen gab es damals eine ganze Menge.

Casa Milà, auch bekannt als „La Pedrera“

Als Gaudís monumentale Casa Milà, auch bekannt als „La Pedrera“, enthüllt wurde, schien den Barceloneser Tageszeitungen der Vergleich des Gebäudes mit einer Garage für Luftschiffe noch am naheliegendsten. Die gewölbten Formen der Pedrera, die in Teilen von einem einzigartigen Naturschauspiel inspiriert waren,  beunruhigten selbst kreative Gemüter wie den Maler Santiago Rusiñol, der befand: „Die Bewohner dieser Höhle müssten anstatt Hunden und Katzen Schlangen als Haustiere halten, deren Natur es noch am ehesten entspräche, sich durch die Zimmer dieses Gebäudes zu winden.“

Terrat de la Casa Milà © ACT. Imagen M.A.S

Geld und Kunst: Eine explosive Kombination

Die in Wellen fallenden Mauern der Pedrera sind jedoch nicht das einzige architektonische Element mit der Tendenz, psychedelische Effekte zu erzeugen: Felsenfest stehen die Soldaten im Jardin de los Guerreros (Garten der Krieger) und beobachten höchst ernsthaft den Horizont. Erst auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als schraubenförmige Schornsteine auf der Dachterrasse des Hauses. Exzentrizitäten dieser Art finden sich in den verschiedensten Winkeln des Hauses. Sie verdanken sich einer explosiven Kombination zweier Elemente, die relativ selten in der Kunst zusammenfinden: Einerseits das unbegrenzte Budget, welches der Auftraggeber Milà seinem Architekten Gaudí zur Verfügung stellte und andererseits dessen Fähigkeit, seine grenzenlose Fantasie in Formen zu gießen, die nur durch ein Wunder mit den Gesetzen der Statik vereinbar zu sein scheinen.

La Pedrera Secreta – Die geheime Pedrera

Ein Besuch in der Casa Milà eröffnet jedoch nicht nur Einblicke in einen Höhepunkt der modernistischen Architektur, sondern auch in das Leben, Denken und Wirken Gaudís. Und auch das Leben einer großbürgerlichen Barceloneser Familie zu Beginn des 20. Jahrhunderts tritt dem Besucher hier praktisch vor Augen. Wem das nicht reicht, der komme des Nachts zurück, wenn die „Geheime Pedrera“ (La Pedrera Secreta) ihre unbekannten Winkel und Räume enthüllt.

Casa Batlló – Das Drachenhaus

 

Ihren Beinamen „das Drachenhaus“ verdankt die Casa Batlló ihrem gewölbten, schimmernden Dach mit schuppenförmigen Ziegeln, das aus der Ferne wie der Rücken eines Sauriers aussieht. Dass die Bewohner Barcelonas beim Anblick der Casa Batlló eher an Drachen als an Saurier denken, liegt vermutlich an der Allgegenwart des drachentötenden katalanischen Schutzpatrons Sant Jordi. Dennoch: die Bewohner der Stadt sind mit Fantasie reichlich gesegnet und die geheimnisvolle Offenheit und Vielschichtigkeit der Formen dieses architektonischen Wunders tut ein Übriges. Das eigenwillig geformte Dach, die Balkone, die Fassaden, von denen manche glauben, Monets Seerosen seien die Inspiration gewesen, die schmiedeeisernen Verzierungen, die an Masken erinnern, oder Knochen, oder Fische – all diese Elemente haben die Barceloneser zu immer neuen Kosenamen für das Drachenhaus inspiriert. Schauen Sie doch mal nach und raten Sie, welche das wohl sind!

Casa Amatller i Casa Batlló © Imagen M.A.S.

Casa Amatller – Das Haus des Schokoladenfabrikanten

Wo wir gerade von Assoziationen sprechen –  in welcher Farbe lässt wohl ein Schokoladenfabrikant sein Haus gestalten? Ja, das ist tatsächlich so einfach – die Casa Amatller, erbaut vom Architekten Puig i Cadafalch, ist ganz in Brauntönen gehalten. Fast könnte man meinen, Antoni Amatller habe ein Hexenhäuschen bauen wollen. Aber nein, natürlich wollte der große Amatller kein Häuschen bauen, sondern ein Haus, in dem die kleinen Besucher des 21. Jahrhunderts über Stunden Rätsel raten und Geheimnisse lüften können. Der Drachentöter Sant Jordi ist auch hier auf einem Relief im Eingangsbereich zu finden, allerdings muss man aufmerksam sein und ein wenig suchen. Eine geführte Besichtigung des Hauses lohnt sich, nicht nur wegen der spannenden Infos, sondern insbesondere wegen des finalen Höhepunkts: der Schokoladenkostprobe in der Originalküche des Hauses.

Casa Lleó i Morera – Spiegel des 20. Jahrhunderts

Domènech i Montaner ist der dritte im Bunde der großen Architekten des Modernismus. An der Fassade seiner Casa Lleò i Morera lässt sich ein weiteres Mal ganz wunderbar „Ich sehe was, was du nicht siehst“, spielen  oder im Zweifelsfall auch einiges über die Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts lernen. Als Allegorien zieren das Grammophon, die Fotokamera und – man höre und staune – die Elektrizität die Fassade des Hauses. Besichtigt man das Haus von Innen, kann man das Gästezimmer bewundern, die beeindruckende Vitrine mit dem Lebensbaum oder auch einfach die Badezimmer aus einer Zeit, die noch weiter zurückliegt als die Kindheit von Oma und Opa.

Tipp: Folgen Sie den panots rojos (roten Pflastersteinen) auf dem Bürgersteig, die zu den Seheswürdigkeiten der Route des Modernismus führen.  (www.rutadelmodernisme.com).

Es besteht auch die Möglichkeit, an geführten Touren teilzunehmen, oder einen Audioguide herunterzuladen unter: http://bcnshop.barcelonaturisme.com/

Ebenfalls sehenswert: Der Espai Gaudí Experiencia, wo man das Werk Gaudís in 4D-Perspektive erfahren kann: www.gaudiexperiencia.com

Catalan Tourist Board Team: