Vies Verdes – Die Grünen Wege von Tarragona

Manchmal erobert die Natur Terrain zurück, das sie schon an den Menschen verloren geglaubt hatte. Bestes Beispiel hierfür, sind die stillgelegten Eisenbahntrassen inmitten herrlicher Naturlandschaften, die einst zu den modernsten Kommunikationswegen des Landes zählten. Irgendwann verloren sie an Bedeutung, der Zugverkehr wurde eingestellt und Bäume, Büsche und Blumen rückten näher und näher an die alten Zugstrecken heran. Aus den einstigen Bahntrassen wurden „Grüne Wege“.

Via Verda © Mariano Cebolla

Naturerlebnis Vies Verdes: Genussvoll und barrierefrei

Die Vies Verdes genannten Grünen Wege sind der perfekte Zugang zur Natur für all jene Outdoorbegeisterten, die auf einen ebenen Untergrund angewiesen sind. Das gilt nicht nur für Genussradler, sondern auch für Wanderer mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer, die bei freier Fahrt den einen oder anderen Kilometer machen wollen. Herbst und Frühling sind wegen des milden und meist schönen Wetters ideale Jahreszeiten, um die Vies Verdes zu erkunden.

Durch die Ausnahmelandschaften der Provinz Tarragona

Tarragonas Grüne Wege versprechen ein erstaunliches Maß an Abwechslung. Mit dem Naturpark Ebrodelta und dem Naturpark Els Ports durchqueren sie zwei der spektakulärsten Landschaften der Provinz, die unterschiedlicher nicht sein könnten: die weiten Ebenen des Ebrodeltas, geprägt von Dünen, Reisfeldern und Marschland und die bizarr geformten Felsgebirge des Naturparks Els Ports, deren Formenreichtum den jungen Pablo Picasso unendlich inspirierte. Diese beiden Ausnahmelandschaften auf einer einzigen Radstrecke zu erfahren ist ein Erlebnis, das es in sich hat – umso mehr, weil die Vies Verdes mit ihrer historischen Infrastruktur jede Menge Spannung und Abwechslung in das Rad-Wandererlebnis bringen: Alte Bahnstationen bezaubern mit nostalgischem Charme und beim Befahren der Eisenbahntunnel und Viadukte kommt garantiert keine Langeweile auf.  Zum Landschaftserlebnis gesellt sich der Reiz der kleinen Dörfer und Städte entlang der ehemaligen Eisenbahnlinie. Mit ihrer Ursprünglichkeit, ihren Sehenswürdigkeiten und einem hervorragenden gastronomischen Angebot verführen sie zu häufigen Pausen.

Pinell de Brai © Servicios Editorials Georama

Wie ein Flop zum Top-Radweg wurde

Die Grünen Wege im Val de Zafán sind stillgelegte Eisenbahnrouten, welche den Landkreis Baix Ebre mit der Region Aragón verbinden. Die Existenz dieser Eisenbahnroute ist einem Wunschprojekt der lokalen Regierung von Aragón zu verdanken, die im 19. Jahrhundert davon überzeugt war, ihre Wirtschaft durch eine Bahnverbindung mit einem Meereshafen ankurbeln zu können. Mit diesem Ziel im Hinterkopf begab man sich an den Bau einer Eisenbahnstrecke zwischen Puebla de Híjar in Aragón und Tortosa in der Baix-Ebre-Region. Das Projekt stand jedoch unter keinem guten Stern. Aufgrund verschiedener Probleme konnte die Bahnverbindung erst 1942 nach 60jähriger Bauzeit eingeweiht werden. 31 Jahre später wurde sie bereits wieder still gelegt. Als Grüner Weg hat sie jedoch zweifellos eine große Zukunft.

Xerta – Via Verda © Mariano Cebolla

Die Grünen Wege im Val de Zafán:

I: La Via Verda tram Baix Ebre

Die Grünen Wege im Val de Zafán lassen sich in mehrere Teilstrecken aufgliedern. Da ist zunächst die Via Verda tram Baix Ebre, die von Tortosa bis Benifallet führt. Es empfiehlt sich, gleich für den Beginn der Route ein wenig Zeit einzuplanen. Schließlich ist Tortosa die Hauptstadt des Landkreises Baix Ebre und hütet einige Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch wert sind. Als absolutes must see gilt die Festung von Tortosa, genannt Castell de Sant Joan oder auch Castell de la Suda. Sie beeindruckt nicht nur mit grandioser Architektur maurischer Prägung, sondern auch mit weiten Blicken über die Stadt und den Fluß. Weitere Top-Monumente sind die Kathedrale Santa Maria, der Bischofspalast und die Reals Colegis als Hinterlassenschaft des Dominikaner Ordens, die mit einer Mischung aus Elementen von Gotik und Renaissance beeindrucken. Nächste Wegstation ist Roquetes mit der Pfarrkirche Sant Antoni de Padua aus dem Jahr 1836 einerseits und dem 1904 von den Jesuiten gegründeten Ebro-Observatorium (Observatori de l’Ebre) als Hauptsehenswürdigkeiten. Weiter geht es nach EMD de Jesús und von dort aus nach Aldover. In beiden Dörfern lohnt sich ein Blick auf die schönen Pfarrkirchen. Zwischen Aldover und Xerta liegen die ersten von insgesamt 40 Eisenbahntunneln auf den Grünen Wegen von Tarragona, die garantiert Spaß und Abwechslung ins Radel-Erlebnis bringen. Auch in Xerta empfiehlt sich ein Besuch der Pfarrkirche Eclesia de l’Assumpció i Sant Martí. Benifallet, die Endstation der Via Verda tram Baix Ebre ist berühmt für ihre wunderbaren Tropfsteinhöhlen, die Coves Meravelles. Aber auch die Ermita de la Mare de Déu de Dalt o del Calvari (18. Jahrhundert) und der Konvent im neogotischen Stil sind einen Besuch wert.

Tortosa © Miguel Raurich

II:La Via Verda de la Terra Alta

Die Brücke Pont de la Riberola, die uns über den Fluss Canaletes führt, ist der Grenzpunkt zwischen den Landkreisen Baix Ebre und Terra Alta. Erste Station auf der Via Verda de la Terra Alta ist Pinell de Brai. Als eine der berühmten Kathedralen des Weins ist der Celler Cooperatiu, ein Meisterwerk des Gaudí-Schülers Cesar Martinell,  die wichtigste Sehenswürdigkeit des Ortes. 5 km weiter liegt einer der landschaftlichen Höhepünkte der Via Verda tram Terra Alta, das Santuario de la Fontcalda: Umgeben von Steineichen- und Pinienwäldern und weiß  schimmernden Kalksteinfelsen liegt hier eine uralte Kapelle. In ihrer unmittelbaren Nähe entspringt eine Thermalquelle, die für ihre heilenden Kräfte bekannt ist. Auf dem Weg zur nächsten Station, Prat de Comte, liegen zwei weitere Tunnel. Hauptsehenswürdigkeit der nächsten Station,  Prat de Comte, ist die Pfarrkirche Sant Bartolomeu im Renaissance-Stil. Mit dem Landschaftskunst-Projekt Art al Ras, in dessen Rahmen Kunstwerke auf den Verbindungswegen der Dörfer der Terra Alta ausgestellt werden, gewinnt die Via Verda hinter Prat de Comte ein weiteres spannendes Element hinzu. Von hier aus führt der Weg nach Bot, passiert den mit 749 Metern längsten Tunnel dieses Radweges und überquert ein weiteres Mal den Rio Canaletes. Von der nahegelegenen Kapelle Ermita de Sant Josep (19.Jahrhundert) bietet sich ein fantastischer Blick auf das Dorf, den Fluss und die Serras de Pàndols i Cavalls. Weiter geht es nach Horta de Sant Joan, wobei 6 Tunnel und zwei Viadukte mit bis zu 11 Bögen zu passieren sind. Je höher es hinauf geht, umso eindrucksvoller sind die Blicke auf den Naturpark Els Ports. Ganz in der Nähe von Horta liegt der Konvent Sant Salvador (13.-18.Jahrhundert) und vor allem der „Racó de lees Olles“, ein wunderschöner Ort am Ufer des Flusses Canaletes, der zum Baden und Picknicken einlädt. Im Dorf selbst ist das Ecomuseo Els Ports, das Centre Picasso und der mittelalterliche Stadtkern selbst unbedingt einen Besuch wert. Von hier aus sind es nur noch 5km  bis nach Arnes, der Endstation der Via Verda de la Terra Alta. Wichtige Sehenswürdigkeiten sind hier das Rathaus und der Renaissance-Palast. Am beeindruckendsten ist aber letzlich doch der grandiose Panoramablick vom Rathaushausplatz auf Els Ports.

Via Verda © Mariano Cebolla

Immer weiter radeln..

Die Vies Verdes Baix Ebre und Terra Alta erfahren mit dem Camí natural de Tortosa-Deltebre und der Via Verda tram Aragó eine interessante Ergänzung. Während der erstgenannte Abschnitt durch die Marschlandschaften des Ebrodeltas bis nach Riumar ans Meer führt, bietet die Via Verda tram Aragó die Möglichkeit, auch die Nachbarregion Aragón näher zu erkunden. Insgesamt bieten die Grünen Wege im Val de Zafàn 150km Radelvergnügen zwischen dem Naturpark Ebrodelta und dem Naturpark Els Ports. Viel Spaß!