Kilian Jornet tanzt am Abgrund

Mit drei Jahren hatte Kilian Jornet schon einige Pyrenäengipfel von oben gesehen. Seinen ersten Viertausender bezwang er mit sechs und mit zehn Jahren hatte er bereits eine komplette Pyrenäendurchquerung hinter sich. Heute gilt er als einer der besten Trailrunner der Welt. – Dies ist das Porträt eines Mannes, der den Tanz am Abgrund zur spirituellen Kunstform erhoben hat.

Kilian Jornets sportliche Triumphe aufzählen zu wollen wäre eine seitenfüllende Arbeit. Der Katalane mit dem schelmischen Gesichtsausdruck, der sich im Tiefsten für einen schüchternen Menschen hält, hat einige der weltweit prestigeträchtigsten Ultramarathons gewonnen und Weltklasse-Leistungen beim Skibergsteigen, Klettern und Duathlon erbracht. Mit Mitte zwanzig hatte Kilian Jornet bereits die Mehrzahl der sportlichen Welterfolge davongetragen, von denen Trailrunner oder Skibergsteiger nur träumen können. Und nun?

Summits of my Life

„Nur wer Träume hat, ist wirklich lebendig!“, lautet einer von Kilian Jornets Glaubenssätzen. Ein neues Projekt musste her, eine neue Herausforderung, ein neuer Traum, den zu verwirklichen jede Mühe wert wäre. So entstand Summits of my Life, ein Projekt, bei dem der Katalane einige der berühmtesten Gipfel der Welt in Jornetscher Manier (ultraschnell!!) bezwingt und dabei bereits die Rekorde für  Matterhorn, Montblanc und Denali gebrochen hat. In naher Zukunft möchte er auch schnell auf den Mount Everest und wieder runter.

Kilian Jornet © Mahala Nuuk

Kilians Welt

Seine Herangehensweise, seine Begegnungen mit Menschen und Bergen, mit Schnee und Sonne, Wind und Wetter sind in den Begleitfilmen Summits of my Life festgehalten. Und da Kilian Jornet offenbar ebensoviel denkt, wie er rennt, sind in den letzten Jahren auch einige Bücher von ihm erschienen, die Einblicke in eine außergewöhnliche Gedankenwelt geben. Das Geheimnis des Mannes, der mit Flügeln an den Füßen geboren zu sein scheint, liegt wohl in seiner ganz besonderen Beziehung zur Natur. Diese verdankt er seiner Kindheit in den Pyrenäen und dem etwas eigenwilligen Erziehungsstil seiner Eltern.

„Jeden Abend vor dem Schlafengehen machten meine Mutter, meine Schwester und ich im Pyjama einen Spaziergang durch den dunklen Wald. Wir trugen keine Lampen bei uns und vermieden es, auf den Wegen zu gehen. Auf diese Art gewöhnten sich unsere Augen langsam an die Dunkelheit und unsere Ohren an die Stille, so dass wir den Wald atmen hören konnten und die Beschaffenheit des Bodens mit unseren Füßen wahrnahmen.“

Kilian Jornet © Mahala Nuuk

Das Hochgebirge als Spielzimmer

Kilians Vater bewirtschaftete eine Berghütte in den Pyrenäen, in der die Familie das ganze Jahr über lebte. Seine Mutter war Lehrerin in einem nahe gelegenen Ort, die wann immer sie konnte mit ihren Kindern Zeit in der Natur verbrachte. Das „Spielzimmer“ des Kilian Jornet und seiner Schwester war folglich die Nordseite der Cerdanya mit den Wäldern des Cap de Rec, den Langlaufpisten und den Gipfeln von Tossaplana, Muga und Perafita.

Dort, sagt Kilian Jornet, habe seine Beziehung zur Natur ihren Anfangspunkt. Seine Eltern gingen mit ihm und seiner Schwester in die Berge, und brachten ihnen von klein auf bei, den Weg für sich selbst zu finden, die Zeichen zu deuten und zu verstehen, warum der Weg gerade hier und nicht dort verlaufe. Dabei passierte etwas, das in westlichen Kulturkreisen selten vorkommt und möglicherweise die Grundvoraussetzung für Kilian Jornets erstaunliche Fähigkeiten am Berg ist.

Wie man den Berg liebt

„Das Gebirge gewann für uns eine viel umfassendere Bedeutung als die eines Freizeitgeländes. Es war für uns ein lebendiger Ort, den wir genau kennen mussten, um uns sicher bewegen zu können, um seine Gefahren  voraussehen und verstehen zu können. Letztlich mussten wir uns einfach an unseren Geburtsort anpassen. Und auf diese Art lehrten unsere Eltern uns, das Gebirge zu lieben: Indem sie uns beibrachten, uns als ein Teil davon zu fühlen.“

Der Bergläufer sieht sich in keinem Moment als Bezwinger der Natur, die für ihn ein lebendiges Wesen ist. Er selbst ist Teil dieser Natur, der er größten Respekt entgegenbringt. Im Grunde, so meint Jornet, sei es mit einem Berg wie mit einem Menschen. „ Um ihn zu lieben, muss man ihn kennenlernen und erst wenn man ihn kennt, weiß man, wann er wütend ist und wann zufrieden, wie man mit ihm umgeht, mit ihm spielt, wie man ihm hilft, wenn jemand ihm Schaden zufügt, und wann es besser ist, ihm nicht zu nahe zu kommen.“

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Du  bist nur ein winziger Punkt in der Unendlichkeit…

Dabei ist ihm wohl bewusst, dass die Natur weit mächtiger ist als der Mensch. „Man darf eins nie vergessen“, sagt Jornet: „Du selbst bist nur ein  winziger Punkt in der Unendlichkeit, und die Natur ist es, die entscheidet, ob sie diesen Punkt auslöscht oder nicht“.

Klingt dramatisch? Entspricht aber der Lebensrealität eines „Skyrunners“. Kilian Jornet selbst hat 2012 auf einer  Skitour am Montblanc durch einen tragischen Unfall seinen Mentor und Freund Stéphane Brosse verloren. In einem Interview mit dem National Geographic, der ihn 2014 mit über 75.000 Publikumsstimmen zum „Adventurer of the Year“ gewählt hat, sagt er dazu: „Du denkst schon darüber nach, ob das, was wir tun, gut ist, oder irgendeinen Sinn hat. Und dann merkst du, dass wir alle das Risiko kennen und akzeptieren. Es ist nicht wie beim Fussball, wo das Schlimmste, was dir passieren kann, ein Kniebruch ist. Wir sind Bergsteiger. Wir wissen, dass die Berge gefährlich sind. Wir müssen akzeptieren, dass es riskant ist. Wir wollen nicht sterben, aber wir müssen uns dessen bewusst sein, dass es passieren kann.“

Kilian Jornet © Mahala Nuuk

Zu siegen, bedeutet…

Warum aber macht man das? Warum setzt man sich diesen Gefahren, diesen Mühen aus?  Es geht um den Sieg, aber nicht um die Art von Sieg, bei der man alle anderen schlägt und als erster ankommt. „Zu siegen bedeutet, sich selbst zu besiegen. Unseren Körper, unsere Begrenzungen, unsere Ängste. Zu siegen bedeuet, sich selbst zu überwinden und seine Träume Realität werden zu lassen“.

„Es geht nicht darum, der Schnellste, Stärkste oder Größte zu sein. Es geht darum, man selbst zu sein“, lautet Kilian Jornets Überzeugung. Sein Tanz am Abgrund hat eine ebenso spielerische wie spirituelle Komponente. Oft strahlt sein Lauf eine geradezu kindliche Freude an der Bewegung aus.
Seine persönlicher idealer Laufstil, sagt er, sei das Laufen im Einklang mit der Natur, der Versuch, auszudrücken, was sie ihm vermittelt. „ Zu laufen, ohne Spuren zu hinterlassen, so leise wie möglich zu sein (…) darauf zu achten, dass die Abstiege einem fließenden Tanz zwischen meinem Körper und dem Gelände gleichen, ohne etwas zu erzwingen, so dass der Schritt natürlich und flüssig ist, wie eine Verlängerung des Boden,s über den ich laufe.“

..Absolut alles

In dieser Selbstvergessenheit des Laufens entdeckt Kilian Jornet etwas, das viele Menschen suchen. Aus materieller Perspektive betrachtet,  finde man auf den Gipfeln der Berge nichts, wofür sich die Mühe des Aufstiegs lohne, sagt er. Aus einem spirituellen Blickwinkel betrachet, finde man dort oben hingegen absolut alles.

„Die Versenkung in etwas, das größer ist als wir selbst, ist der Geburtsort unserer Träume. Und letztlich laufen wir alle, um diese Träume zu verwirklichen“, glaubt Jornet, der als Botschafter der Pyrenäenregion Kataloniens Gästen die Landschaft seiner Kindheit näherbringt. Wenn Sie ihn und die Orte seiner Kindheit näher kennenlernen wollen, dann genießen Sie sein Video für das Catalan Tourist Board. Viel Spaß!

 

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