Katalonien im Herbst: Interview mit Joan Morales

KT: Joan, welches sind die typischen Orte für den Herbsttourismus – oder anders gefragt, welche Landschaften Kataloniens haben im Herbst einen ganz besonderen Reiz?

JM: Der Herbst ist die perfekte Zeit um unsere Gebirgslandschaften näher kennezulernen. In ganz Katalonien gibt es eine Vielzahl von Tälern und Wäldern, die im Herbst mit ihrer Farbenpracht begeistern. Am beeindruckendsten ist dies vielleicht im Naturpark Alt Pirineu zu sehen: Vor dem Hintergrund der grünen Weiden und beschaulichen Pyrenäendörfer wirkt der Herbst in den Wäldern geradezu wie ein Feuerwerk der Farben. Aber die Pyrenäen sind nicht der einzige Ort, um spektakuläre Herbstlandschaften zu erleben. Katalonien ist ein Land der Kontraste. So haben wir beispielsweise wenige Kilometer vom Ebrodelta entfernt im Landesinneren das Gebirge Els Ports mit dem am südlichsten gelegenen Buchenwald Europas, die fageda del Retaule. Auch das Gavarres-Massiv, das im Landkreis Empordà in unmittelbarer Nähe zum Meer liegt, ist gerade im Herbst ein echtes Wanderparadies. Das gilt im Prinzip für die ganze Küstenlinie, deren sanftes Klima den Herbst zur idealen Zeit für Spaziergänge und Wanderungen  macht. Darüber hinaus sollte man im Auge behalten, dass der Herbst die Zeit der Wein- und Olivenernte ist. Beide haben für die Küstenregionen eine spezielle Bedeutung, eine Tatsache, die sich natürlich auch im gastronomischen  Angebot widerspiegelt, insbesondere in der Maresme-Region, dem Baix Ebre, Baix Camp, dem Penedès und dem Empordà.

Fageda d’en Jordà © Jordi Pareto

KT: Welches sind die typischen Aktivitäten für einen Herbsturlaub in Katalonien?

JM: Der Herbst ist eine wunderbare Zeit  für alle Outdooraktivitäten, insbesondere zum Wandern und Radfahren. Es ist nicht heiß, aber auch noch nicht kalt. Es regnet gelegentlich, aber die Sonnentage überwiegen und bringen ein ganz spezielles Licht mit sich, das nicht nur die Fotografen begeistert. Darüber hinaus ist der Herbst, wie schon erwähnt, die Zeit besonders beliebter kulinarischer Produkte: Die Katalanen sind verrückt nach bolets (Pilzen), und verbringen ihre Zeit nun gerne auf Pilzsuche in den Wäldern. Darüber hinaus gibt es nun Wein und Öl, Waldfrüchte, Wild, Kürbisse, Süßkartoffeln, Kastanien usw. In der Gesamtsicht ergibt sich daraus das perfekte Szenario für Wander- und Ökotourismus in Kombination mit dem Genuss regionaler gastronomischer Produkte.

Pilzsuche in den Wäldern © Gemma Miralda

KT: Der Herbst ist auch die perfekte Zeit, um sich mit allen Sinnen auf spezielle Reiseerfahrungen einzulassen, die in Katalonien möglich sind. Welche besonderen Angebote gibt es?

JM: Es gibt einerseits Programme für einzigartige kulinarische Erlebnisse, wie zum Beispiel die maridatge gastronòmic (maridatge gastronòmic  = die perfekte Mischung von Wein und Speisen, bei der das Ganze weit mehr ist als die Summe seiner Teile). Andererseits ist dies eine großartige Jahreszeit für Fotosafaris oder erlebnisreiche Naturführungen, wie zum Beispiel die zur Hirschbrunft in der Serra de Boumort oder im Cadí-Moixeró-Massiv. Nicht zuletzt ist der Herbst auch die perfekte Zeit, um sich in Ruhe die zahlreichen historischen Monumente anzuschauen.

KT: Im Rahmen der Weinernte bietet Katalonien einige besonders interessante touristische Programme – kannst du uns ein paar Beispiele nennen, die du besonders empfehlenswert findest?

JM: Fast alle Bodegas und Weinbauern bieten um diese Jahreszeit ein Besucherprogramm – da ist es nicht einfach, einzelne Programme hervorzuheben, insbesondere in einem Land mit gleich zehn Weinbaugebieten mit geschützter Ursprungsbezeichnung (DO). Ich möchte hier trotzdem auf zwei Regionen hinweisen, die in Bezug auf den Wein- bzw. Önotourismus derzeit eine besonders interessante Entwicklung durchmachen: Penedès und Priorat. Im Penedès gibt es seit neuestem ein Netz von Weinwanderwegen namens ‘Camins del Penedès‘. Auf diesen Wegen lernt man nicht nur die berühmte Weinregion kennen, sondern hat auch immer wieder die Möglichkeit, an Verkostungen teilzunehmen. Ebenfalls im Penedès liegt die Carretera del Vi. Diese traditionsreiche alte Weinstraße verband den Penedès mit der Küste von Garraf und war somit einer der wichtigsten Handelswege der Region. Am aktuellen Projekt Carretera del  Vi nehmen zwölf Bodegas teil. Die Route führt durch die Weinlandschaften zwischen Sant Martí Sarroca und Sitges und bietet die Möglichkeit, wenig bekannte, aber absolut sehenswerte Orte kennenzulernen. Bestes Beispiel hierfür ist Olèrdola.
Was den Priorat mit seinen einzigartigen, von Terrassenfeldern geprägten Gebirgslandschaften betrifft, gibt es einige interessante Angebote in Escaladei, jener alten Abtei, in der die Weinbautradition dieser Gegend ihren Anfang nahm und die heute als historisches Monument von nationalem Interesse ausgezeichnet ist. Ebenfalls interessant sind Besuche in den örtlichen Bodegas, insbesondere der Celler el Masroig oder die Cooperativa Falset-Marça. Im Rahmen von Führungen mit Theatereinlagen erfährt man, wie vor 100 Jahren im Priorat der Wein hergestellt wurde und wie der Gaudí-Schüler Cesar Martinell hier eine der berühmten Kathedralen des Weines erbaute.

Herbst in Katalonien © Marc Castellet

KT: Im Herbst werden auch einige typisch katalanische Feste gefeiert. Welches sind aus deiner Sicht die interessantesten und mit welchen weiteren Aktivitäten kann man den Besuch dieser Feste kombinieren?

JM: Natürlich gibt es im Herbst besonders viele Feste, die sich um die Weinernte und lokale Produkte drehen, die jetzt Saison haben. Es gibt Feste, die den bolets gewidmet sind, den Maronen, Kürbissen, dem Reis und den Herbstfrüchten. Darüber hinaus werden um diese Jahreszeit einige der bedeutendsten traditionellen Feste gefeiert, wie Santa Tecla in Tarragona, la Mercè in Barcelona, Sant Miquel in Lleida, Fires in Girona oder auch die Tots Sant (Allerheiligen) in ganz Katalonien. In allen diesen Fällen gilt: Das Beste ist, Kultur und Gastronomie gemeinsam zu genießen und dabei natürlich das gute Wetter nach besten Kräften zu nutzen.

KT: Welches sind denn die interessantesten Regionen für die Gourmets unter unseren Lesern?

JM: Im Prinzip gehört jedes gastronomische Produkt einer bestimmten Landschaft an, obwohl es natürlich auch solche gibt, die sich über ganz Katalonien verteilen. Öl wird zum Beispiel vor allem in les Garrigues, el Camp de Tarragona (DO Siurana) und el Montsià (Baix Ebre) produziert. Ein weiteres Spitzenprodukt, das ich nun schon mehrmals erwähnt habe, sind die Pilze, für die vor allem die Landkreise Berguedà, Alta Ribagorça und Solsonès berühmt sind, sowie das Gebiet um den Montseny und Els Ports. Die besten Maronen gibt es hingegen in Viladrau und Vilanova de Prades.

Olivenöl aus Katalonien © Pere Pons

KT: Wenn es kälter wird, verbringt man auch wieder gerne mehr Zeit drinnen. Gibt es Festivals, Ausstellungen oder Events im Herbst, die du besonders empfehlen würdest?

JM: Immer mehr Landgasthäuser und Hotels organisieren kulturelle Aktivitäten und Events  in der Zeit, in der es beginnt, kälter zu werden. Man sollte nicht vergessen, dass diese Häuser zwischen Herbst und Winter, also um die Weihnachtszeit herum, den größten Gästezustrom während des gesamten Jahres verzeichnen.
Die meisten Ausstellungen und Festivals gibt es natürlich in den Städten. Zum Beispiel Mercat de Música Viva in Vic oder das Festival der Szenischen Künste Temporada Alta in Girona und Salt. In Barcelona gibt es in diesem Jahr eine ganze Menge Neues zu entdecken, wie zum Beispiel die Ausstellungen im Museu Arquelògic, im Museo Etnològic, in der Pedrera, nicht zu vergessen der  Zyklus von Gratis-Konzerten im Born Centre Cultural.

Mercat Música de Vic © Marc Castellet Puig

KT: Was ist deine liebste Beschäftigung im Herbst und wohin gehst du, um sie auszuüben?

JM: Ich weiß, dass ich in dieser Hinsicht nicht besonders originell bin, aber was ich im Herbst am liebsten tue ist, wandern, Ausflüge machen und die prachtvolle Natur genießen. So habe ich zum Beispiel neulich einen Kurzurlaub genutzt, um den Wanderweg Cinqulè Llac zu erkunden, der auf alten Hirtenwegen durch die Landkreise Pallars Jussà, Pallars Sobirà und Alta Ribagorça führt. Letztes Wochenende habe ich die herbstlichen Wälder von Sant Pau de Segúries im Vall de Camprodón genossen. Ich gehe auch manchmal Pilze sammeln, und natürlich lasse ich auch keine Gelegenheit aus, einen Spaziergang am Meer zu machen. Schließlich habe ich das Glück, direkt an der Mittelmeerküste zu wohnen, die so viele Menschen aus aller Welt nach Katalonien zieht…

 

 

 

 

 

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