Die Antike lieben: Weshalb man in Tarragona die Vergangenheit nicht ruhen lässt

Reenactment ist Ihnen kein Begriff? Eigentlich nicht verwunderlich. Denn eigentlich widmen nur Freaks ihre Zeit dieser Form der detailgetreuen Nachstellung und Inszenierung historischer Ereignisse, die man Reenactment nennt. Wir sagen „eigentlich“, denn es gibt Ausnahmen. In Tarragona ist Reenactment kein verschrobenes Hobby von Studenten mit zuviel Zeit, sondern gelebte Stadtkultur. Und so stößt man hier zuweilen auf römische Soldaten, die sorgfältig und eingedenk aller Details der bekannten historischen Bautechniken die antiken Mauern Tarragonas neu errichten oder trifft in den historischen Mauern des römischen Circus auf Gladiatoren, die nach allen Regeln der blutigen Kunst um ihr Leben kämpfen. Warum das nun gerade in Tarragona so ist? Das ist nur eine der spannenden Fragen, die sich stellen, wenn man in das pulsierende Leben der ältesten römischen Stadt jenseits der Pyrenäen eintaucht.

Geschichte hautnah: Das Festival TARRACO VIVA und der Sommer der gelebten Geschichte


Das antike Tarragona war nicht nur eine lebendige Hafenstadt am Mittelmeer, aufgrund seiner Größe und Bedeutsamkeit war Tarragona eine Art kleines Rom auf iberischem Boden. Davon zeugen noch heute Monumente wie das beeindruckende  Amphitheater oder der grandiose Römische Circus.
„In Tarragona dringt die Geschichte aus den Gemäuern, aus den Büchern, und wird lebendig. Die Stadt hat sich auf Veranstaltungen zur Rekonstruktion der Geschichte spezialisiert. Archäologen, Historiker, Reiseführer, Erzähler und Statisten engagieren sich in Veranstaltungen wie dem Festival Tarraco Viva im Mai oder den Konferenzen zum napoleonischen Krieg, um die Geschichte der Stadt und ihrer Zivilisation zu verbreiten.“

Sicherlich, da ist was dran. Programme wie Tarraco Viva, die antike Geschichte sinnlich und begreifbar in die Straßen der Stadt tragen, sind zweifellos eine touristische Attraktion, mit der schwer zu konkurrieren ist. Welches Kind würde nicht gerne einmal als Legionär mit Helm und Kettenhemd mit den römischen Soldaten marschieren? Wer kann sich dem Vergnügen eines mysteriösen Detektivspiels entziehen, bei dem es darum geht, die Identitäten, Insignien und Geheimnisse der römischen Clans Tarragonas aufzudecken? Würden Sie „Nein!“ sagen, zu einem Kurs in römischer Küche, wenn Sie bei einem Stadtbummel auf ihn stoßen? Und während Sie in die Details der ebenso simplen wie ausdrucksstarken römischen Kulinarik eingeführt werden, gibt Ihnen jemand einen Tipp: Im Part Alta ist die Pizzeria Pulvinar einen Besuch wert, deren Mauern einst die VIP-Lounge  des Römischen Circus bildeten. Falls Sie feststellen, dass Ihnen das Essen in tausendjährigen Mauern besonders gut mundet, finden Sie im gleichen Viertel noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Möglichkeiten, archäologischen Anschauungsunterricht mit dem Genuss katalanischer Küche zu verbinden.

Costa Daurada - Tarragona. Tarraco Viva 002 © Tarragona Turisme

Der Tarragoneser an sich: Grandios und erstaunlich

Die permanente und beeindruckende Kollision mit einer zweitausendjährigen Geschichte ist in Tarragona also an der Tagesordnung. Das leise Flüstern der Vergangenheit begleitet die Tarragoneser bei einem Gang durch die Altstadt ebenso wie beim Blick auf das weite Mittelmeer, das vor langer Zeit so viele römische Schiffe kommen und gehen sah. Ob das nun gleich ein Grund ist, sich in Tunika und Kettenhemd zu werfen, um die Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen, bleibt fraglich. Unsere Theorie ist, dass der Tarragoneser an sich die natürlich Neigung verspürt, Dinge zu tun, die grandios und erstaunlich sind. Der praktische Nutzen ihrer hingebungsvollen Tätigkeiten steht dabei offenbar nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Wie sonst ist es zu erklären, dass die folkloristische Spezialität der Tarragoneser, nämlich die Bildung von castells genannten Menschenpyramiden, mit einem solchen Maß an Kunstfertigkeit ausgeübt wird, dass die UNESCO sie zum Weltkulturerbe erhoben hat?

Concurs Castellers © David Oliete

Concurs Castellers © David Oliete

Die Tarragoneser, das sehen wir hier ganz klar, verbinden in einzigartiger Weise Kraft, Balance, Teamgeist und unendliche Hingabe, um aus dem Nichts etwas Atemberaubendes zu zaubern. Dieser Geist Tarragonas ist nicht nur der Spiritus Rector der Menschenpyramiden, sondern auch die treibende Kraft hinter Events wie Tarraco Viva. Wer sich aufmacht, um dabei zu sein, erlebt den Geist Tarragonas in seiner reinsten Form.

Übrigens: 

Mit den Römern hatte die ereignisreiche Geschichte Tarragonas gerade erst begonnen. Die Zeitalter der frühen Christen Tarragonas, das Mittelalter und die modernistische Epoche haben in der Architektur der Stadt ihre Spuren hinterlassen, die sich auf unterschiedlichen touristischen Routen durch die Stadt erkunden lassen.

Info

Tarragona

Costa Daurada

Top-Tipp für alle Fans modernistischer Architektur:

Reus, die Geburtstadt Antonio Gaudís, liegt knapp 15km von Tarragona entfernt und ist das Zentrum des Modernismus der Provinz. Ob Fabriken, Schulen, Theater oder Wohnhäuser, Reus beherbergt eine Vielzahl von Perlen der modernistischen Architektur. Zwar fand Gaudí zu Lebzeiten in seiner Heimat weit weniger Anerkennung als beispielsweise sein Kollege Lluís Domènech i Muntaner. Dafür hat ihm die Stadt nun mit dem Gaudí-Centre ein exquisites Museum und Interpretations-Zentrum gewidmet.
Das Universum der Gaudíschen Kreativität, in dem Wasser, Licht und Luft zu architektonischen Kategorien werden konnten, tritt dem Besucher als multimediale Ausstellungslandschaft entgegen, die in sich ein Kunstwerk ist. Wer Gaudís Werk mit allen Sinnen erfahren und begreifen möchte, ist hier genau an der richtigen Adresse. Das gilt insbesondere für Kinder und junge Besucher, die hier Kunst zum Staunen und Anfassen erleben können. www.gaudicentre.cat

 

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